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Preiskataloge
sind (so sagen es zumindest die Herausgeber) für Sammler und Händler
unentbehrlich und kommen auch entsprechend breitspurig daher. Meist legen
sie sich Attribute zu wie "Offizieller", "Allgemeiner"
oder gar "Allgemeiner Deutscher" - klingt so schön seriös
und verbindlich. Und bindend. Und so werden die in solchen Katalogen genannten
Preise denn auch von vielen behandelt: bindend wie die Bibel - was da
drin steht, ist Gesetz.
Preiskataloge werden gerne jahrgangsweise herausgebracht. Das hat so eine
schöne Sog-Wirkung auf die Käufer. Es suggeriert ihnen, daß
sie unbedingt auf dem laufenden bleiben müssen. Abgesehen davon streichelt
es die Seelen mancher Sammler ganz ungemein, wenn sie Jahr für Jahr
nachrechnen können, wieviel ihre Sammlung im letzten Jahr (scheinbar)
an Wert zugelegt hat. Trends werden aufgezeigt (und geschaffen), Bücher,
Hefte (vor allem Comics), Briefmarken, Münzen - sie werden wie Aktien
beobachtet und gehandelt. Auf jedem Trödelmarkt, überall im
Internet sind sie unterwegs: Leute, die nur das kaufen, was unterhalb
des "offiziellen" Katalog-Preises angeboten wird.
Aber die Leute, die diese Kataloge machen, sind in erster Linie Händler,
und Händler sind in bezug auf jede Art von Preisgestaltung nicht
unbedingt neutral. Ihr Streben gilt in erster Linie der Gewinn-Maximierung:
möglichst billig einkaufen, möglichst
teuer verkaufen. Aus der Sicht derer, die
die Kataloge machen, ist das legitim - für jene, die die Kataloge
benutzen, bedeutet es ein unberechenbares Risiko.
Nehmen wir ein (für mich aktuelles) Beispiel: "Der
Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff" - eine SF-Romanheft-Serie,
die von 1908 bis 1911 erschien, also noch vor dem ersten Weltkrieg. (Von
der Serie gibt´s inzwischen einen Nachdruck.)
Im "Allgemeinen Deutschen Roman Preiskatalog" Nr. 8 werden für
den Luftpiraten folgende Preise angesetzt:
Heft 1: 90 Euro
Heft 2 bis 93: je 75 Euro
Heft 94 bis 110: je 80 Euro
Heft 111 bis 165: je 90 Euro
wobei im Vorwort ausdrücklich darauf hingewiesen wird, daß
die im Katalog angegebenen Preise nur für Hefte und Bücher im
Zustand 1 gelten - unbeschädigt, nahezu makellos und natürlich
auf gar keinen Fall zu Büchern gebunden!
Die Hefte dieser Serie sind extrem selten und werden kaum jemals öffentlich
gehandelt. Darüber hinaus sind sie so alt und so gelesen, daß
man schon froh sein kann, wenn sie sie noch alle beieinander haben - ihre
Seiten. Besser erhalten sind sie nur, wenn sie gebunden sind. Dann fehlt
ihnen aber fast immer die Rückseite, und auch das eine oder andere
Titelbild ist ihnen beim Binden abhanden gekommen. Und gebundene Hefte
sind laut Preiskatalog sowieso nur noch die Hälfte wert.
Vor
Jahren gelangten mal 75 gebundene Luftpiraten in eine Versteigerung -
der größte Posten dieser Serie, der jemals in den Handel kam.
Diese 75 zu drei Büchern gebundenen Hefte brachten 30.000 DM - 400
DM pro Heft. Gebunden, wie gesagt, also halber Preis, mit anderen Worten:
ungebunden hätten sie glatte 800 DM pro Heft bringen können.
Mein Mann hat Jahre vorher drei Doubletten verkauft - knapp mittelmäßig
erhalten, 500 DM das Stück. Neuerdings (mehrere große Sammler
haben in den letzten Jahren das Zeitliche gesegnet) taucht der eine oder
andere Luftpirat bei ebay auf und erzielt dort Preise bis 500 Euro - unter
200 Euro geht kaum eines dieser Hefte über den Tresen, selbst wenn
es sich schon im Zustand fortgeschrittener Verwesung befindet.
Aber warum - so muß man sich doch fragen - stehen die Dinger dann
so billig im Katalog? Und Beispiele solcher absurden Preisangaben gibt
es viele! Man findet sie zuhauf vor allem im Bereich der Vorkriegshefte.
Denn hier gibt es besonders viele Raritäten, die einen hohen Sammlerwert
haben, weil sie eben kaum noch zu kriegen sind.
Nun, diejenigen, die diese Preise in den Katalog hineingeschrieben haben,
zielen ganz bewußt auf jene Quelle, aus der am ehesten Nachschub
an Raritäten dieser Art kommen kann: ahnungslose Erben, die gar nicht
wissen, was ihnen da in irgendeinem Kartönchen hinterlassen wurde,
zumal solche Vorkriegshefte für den Unkundigen eher mickerig aussehen:
sie sind meist schon etwas heruntergekommen und abgegriffen - kein Wunder
bei dem Alter. Zustand 1 - das sieht auch der blutigste Laie ein - sind
die nicht. Darum landen viele dieser Hefte in der Tonne.
Andere Erben wenden sich vertrauensvoll an die großen Händler
- also an die, die den Katalog gemacht haben. Und die zahlen den Hinterbliebenen
dann ganz großzügig die Hälfte des Katalogpreises. Oder
noch weniger.
Auch ich habe da meine Erfahrungen gemacht. Wenn ein großer Sammler
stirbt, beginnt sofort das Kreisen der Geier. Je größer die
Sammlung, desto heftiger das Kreisen. Und mein Mann war ein sehr
großer Sammler - er starb an einem Freitag, und am darauf folgenden
Montag war das Kreisen schon in vollem Gange.
Sammlerwitwen haben meist nicht nur mit der Trauer zu kämpfen, sondern
auch mit der Tatsache, daß ihr Mann zwar eine Sammlung hinterläßt,
dafür aber nix Bares. In der ersten Zeit, wehrlos in meiner Trauer
und pleite obendrein, habe ich viel Geld verschenkt, indem ich mich an
Preiskatalogen orientiert habe.
Natürlich gibt es auch Beispiele für die andere Seite gezielter
Preis-Politik - auch nicht sehr appetitlich: Man fabriziert eine schöne
hohe Welle, indem man bestimmte Bücher oder Hefte sehr hoch bewertet.
So räumt man das eigene Lager, füllt das eigene Konto, und bis
diese künstlich erzeugte Preis-Blase platzt, hat man längst
abgesahnt. Die Gelackmeierten sind dann häufig ausgerechnet die Antiquare.
Denn alle möglichen Leute entdecken zu ihrem Entzücken genau
dieses angeblich so kostbare Altpapier in Opas Bücherschrank und
tauchen damit - Katalog unterm Arm - in den Antiquariaten auf. Antiquare
sind auch nur Menschen. In Erwartung eines fetten Gewinns kaufen sie die
Schwarte ihrerseits zum offiziellen Ankaufstarif: sie zahlen bis zur Hälfte
des hoffnungslos überteuerten Katalogpreises. Wenn sie Glück
haben, erwischen sie noch den Rand der Blase und machen wenigstens keinen
Verlust. Sonst bleibt ihnen nichts anderes übrig, als auf die nächste
Welle zu hoffen.
Manipulierte Preiskataloge können großen Schaden anrichten.
Ich persönlich traue den Dingern nicht mal mehr von 12 bis Mittag.
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