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Iwan
Jefremow
Die
Stunde des Stiers
aus
dem Russischen von Maxim Knoll
erschienen als Edition TES im Ulenspiegel-Verlag Waltershausen und Erfurt
2010
Hardcover (Pappband), 504 Seiten, Preis: 28 Euro
Aus der Biografie Jefremows
Iwan
Jefremow wurde am 22. April 1908 in Wyriza geboren. Schon als Kind verlor
er seine Eltern. Mit 12 Jahren schloss er sich der Roten Armee an und
nahm an der Zerschlagung der Truppen des Barons Wrangel auf der Krim teil.
1921 verließ er die Armee und ging nach Petrograd, beendete dort
die Schule und wurde Matrose. Seine Arbeit führte ihn in den Fernen
Osten und aufs Kaspische Meer. Dann folgte das Studium an der Universität
und an der Hochschule für Bergbau. Ab 1928 nahm er an geologischen
und paläontologischen Expeditionen teil. Zugleich betrieb er hartnäckig
Forschungsarbeiten, deren Krönung die Veröffentlichung einer
Arbeit über ein neues Teilgebiet der Paläontologie, die Tafonomie
war.
Mit dem Schreiben begann er erst in den vierziger Jahren. Seiner ersten
Publikation «Die Begegnung über der Tuscarora» folgten
bald die längeren Erzählungen «Der Schatten der Vergangenheit»
und «Sternenschiffe», sowie der im alten Ägypten spielende
Zyklus «Am Rande der Ökumene / Die Reise des Baurdshed»
1957 erschien der Roman «Andromedanebel. Zusammen mit der Erzählung
«Das Herz der Schlange» und dem hier vorliegenden Roman bildet
er den Zyklus «Der Große Ring», in dem Jefremow seine
Vorstellungen von der Zukunft der Menschheit beschreibt.
Iwan Jefremow starb am 5. Oktober 1972 in Moskau.
Aus
dem Rückentext
In
ferner Zukunft fliegt ein Raumschiff zu einem Planeten, auf den einst
Menschen der Erde flüchteten. Sie kolonisierten ihn und schufen eine
hoch entwickelte Technik. Doch nun stehen sie vor dem Untergang. Überbevölkerung
und hemmungsloser Verbrauch haben die natürlichen Ressourcen erschöpft
und das oligarchische System unterdrückt jedes Streben nach Veränderung.
Da wird selbst die Kunde vom irdischen Weg zu Freiheit und Glück
für die Astronauten zur tödlichen Gefahr
Aus
dem Nachwort
Die
Editionsgeschichte des Romans »Die Stunde des Stiers«, der
zur Zukunftshistorie »Der Große Ring« gehört (bestehend
aus: »Das Mädchen aus dem All« auch »Andromedanebel«,
»Herz der Schlange« auch »Begegnung im All«, »Die
Stunde des Stiers«) war höchst wechselvoll. Ende 1968 erschien
ein gekürzter Vorabdruck in der auflagenstarken Zeitschrift »Technika
Molodjoshi«. 1970 folgte die vollständige Ausgabe im
Verlag Molodaja Gwardija in einer Auflage von 200 000 Exemplaren.
Doch schon ein halbes Jahr später wurden die Bücher aus den
Bibliotheken entfernt und jede Erwähnung des Romans verboten. Mehr
noch, nach dem Tod des Autors wurde sogar versucht, seinen Namen aus den
wissenschaftlichen Arbeiten zur Tafonomie (die Lehre von der Fossilienkunde)
sowie der Literaturgeschichte zu tilgen. Die gipfelte darin, dass 1974
auf der XX. Jahreskonferenz der Paläontologischen Gesellschaft der
UdSSR nicht einmal mehr der Name des Begründers dieser Wissenschaft
erwähnt wurde.
Erst nach einer Kampagne bekannter Wissenschaftler, Kultur schaffender,
Piloten und Astronauten wurde das Verbot 1975 gelockert. Nun wurden seine
Werke wieder gedruckt mit Ausnahme des vorliegenden Buches. Auch
in den »Gesammelten Werken«, die in diesem Jahr erschienen,
fehlte »Die Stunde des Stiers«.
1987 erschien erstmals im Science-Fiction-Sonderheft der Zeitschrift »Sowjetliteratur«
ein ausführlicherer Artikel, der sich mit der Editions geschichte
des Buches sowie Jefremows kritischer Haltung zu Tendenzen in der Sowjetunion
befasste. Heute beträgt die Auflage in den Ländern der ehemaligen
Sowjetunion mehr als 1 Million Exemplare.
Wie konnte es dazu kommen?
Am
12. November 1970 forderte auf der außerordentlichen Tagung des
ZK der KPdSU der damalige Chef des KGB Juri Andropow in einer Notiz an
den »Parteiideologen« Michail Suslow das Verbot des Romans
und seine Entfernung aus den Bibliotheken und Buchläden. Jefremow
wurde vorgeworfen, im Roman unter dem Deckmantel der Kritik an der sozialen
Ordnung der phantastischen Welt Tormans die sowjetische Realität
zu verleumden. Das Sekretariat des Zentralkomitees beurteilte in einem
als »geheim« eingestuften Gutachten, der Schriftsteller habe
die Probleme bei der Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft falsch
beurteilt, einige seiner Überlegungen wären zweideutig ...
Nun war Jefremow nicht nur Schriftsteller, sondern auch ein international
anerkannter Wissenschaftler. Seine Artikel erschienen in verschiedenen
deutschen und englischen Fachzeitschriften. Er selbst pflegte engen Kontakt
zu amerikanischen Kollegen. Seine guten Fremdsprachenkenntnisse ermöglichten
es ihm, wissenschaftliche und belletristische Werke im Original zu lesen.
Gerade die für einen Wissenschaftler typische Problemanalyse wurde
zu einem wichtigen Bestandteil seiner Romane. Sie äußert sich
in den langen Passagen über historische oder gesellschaftstheoretische
Probleme. In ihnen finden sich wichtige Gedanken und Einschätzungen
des Autors sowie die präzise Widerspiegelung der zur Entstehungszeit
des Romans aktuellen gesellschaftlichen und sozialen Probleme.
Die »Tauwetterperiode« mit ihrem Aufschwung von Wissenschaft
und Kunst hatte spätestens 1964 mit der Entmachtung Chruschtschows
und der Wahl Breschnews zum Ersten Sekretär der KPdSU geendet. Die
nun einsetzende Zeit der Stagnation sollte das Land seiner schöpferischsten
Kräfte berauben. Zugleich verstärkte sich das Zerwürfnis
in den russisch-chinesischen Beziehungen und damit zwischen den beiden
Staaten, die den unverfälschtesten Weg zum Kommunismus für sich
in Anspruch nahmen. Jefremow, als aufmerksamer Beobachter der gesellschaftlichen
Entwicklung, nahm diese alarmierenden Tendenzen natürlich wahr. Als
Schriftsteller fühlte er seine Verpflichtung, zu diesen Problemen
Stellung zu beziehen. Er sprach Dinge an, über die man damals lieber
schwieg.
So fällt auf, dass er die Wurzeln der kommunistischen Gesellschaft
zwar in Russland, nicht aber in der UdSSR fand. Geradezu ein Sakrileg
war aber die Tatsache, dass Jefremow die Entstehung der Oligarchie aus
allgemeingültigen gesellschaftlichen Gesetzen ableitete Gesetzen,
die nicht nur für China und die kapitalistischen Staaten, sondern
auch für die UdSSR galten.
Jefremow
war sich stets bewusst, dass sich eine Entwicklung zum Positiven jederzeit
ins Gegenteil verkehren konnte. Aus diesem Grunde beschäftigte er
sich mit den Wurzeln des Despotismus, mit der »Giftschale«,
aus der jeder im Laufe seiner Erziehung trinkt, und die voll falscher
Vorstellungen, Vorurteile und verzerrter Begriffe ist. Er schuf das Bild
des »Stiers« eines Menschen, der egoistisch und ohne
Rücksicht auf die Gesellschaft seine eigenen Ziele durchsetzt. Und
nicht zuletzt erklärt er die Notwendigkeit der komplizierten Schutzsysteme
der kommunistischen Gesellschaft, die in »Das Mädchen aus dem
All« noch nicht existierten, sich in »Die Stunde des Stiers«
aber als unerlässlich erwiesen.
Ein weiterer wichtiger Gedanke des Buches ist die Erhaltung der Umwelt
heute sicherlich in aller Munde. Damals glaubte man Umweltschutz
nur in kapitalistischen Staaten notwendig da nur die kapitalistische
Gesellschaft Interesse an der hemmungslosen Ausbeutung der Natur habe.
Im Wesen des Sozialismus dagegen wären die Liebe zur Umwelt und ihr
Schutz fester Bestandteil. Worte, die sich alsbald als reine Propaganda
erwiesen. Gerade zwischen 1950 und 1960 begann die immer stärkere
Industrialisierung ihre negativen Begleit erscheinungen zu zeigen, die
Tragödien der großen Seen des Baikals und des Aralsees
wurden zwar in der offiziellen Wirtschaftspolitik totgeschwiegen,
waren aber nicht zu übersehen.
Bemerkenswert an diesem Buch ist auch die Charakterisierung der Frauen.
Dass Jefremow emanzipierte Frauen sehr achtete, war spätestens seit
dem Buch »Auf des Messers Schneide« bekannt. Dass aber Frauen
praktisch alle führenden Rollen in einem Roman einnahmen, noch dazu
in einem Science-Fiction Roman, war neu. Ebenso, dass ihnen zugestanden
wurde, zum Erreichen ihrer Ziele nicht nur den Verstand, sondern auch
ihre sexuelle Attraktivität einzusetzen.
Es
stellt sich die Frage, wie Jefremow die Perestroika Gorbatschows bewertet
hätte. Gewiss hätte er den geistigen Aufschwung des Landes begrüßt,
aber genauso sicher hätte er die Gefahren dieser Entwicklung gesehen.
Aus seinen Büchern und Briefen wissen wir, dass er die Entwicklung
als eine aufsteigende Spirale betrachtete mit Perioden schneller
Entfaltung und Rückschlägen. Nicht umsonst hat er in seinen
Büchern stets auf den schmalen Grat zwischen Licht und Dunkel hingewiesen
und vor den »Stieren« die eine Gesellschaft in die Katastrophe
führen können, gewarnt.
Links:
Besprechung
von Ivo Gloss:
http://www.gloss-science-fiction.de/funkkabine.htm
Bernds
Besprechung im SF-Blog von Wilko Müller jr.
http://s292266560.online.de/?s=jefremow
Besprechung
in der jungen Welt
http://www.jungewelt.de/2009/12-18/012.php
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