Auf's öffentlich-rechtliche Fernsehen ist Verlaß: vor zwei
Tagen kamen die neuesten Zahlen. Gemeldet wird der kontinuierliche Rückgang
der Arbeitslosigkeit - jetzt sind's "nur" noch 3.8 Millionen.
Gemeint sind natürlich die Empfänger von ALG-I. Die Zahl der
Hartz-IV-Empfänger folgt zwei/drei Meldungen später: 5 Millionen.
3.8 + 5 macht 8.8
Millionen Menschen, die derzeit keine Arbeit haben und auf staatliche
Hilfe angewiesen sind - richtig?
Nein
- falsch! Denn hinzurechnen muß man sämtliche Inhaber von
1-Euro-Jobs. Die werden nämlich nicht als "arbeitslos"
mitgezählt - sie werden einfach aus der ganzen Statistik rausgerechnet.
Es sind zur Zeit 2 Millionen. Damit sind wir schon bei 10.8 Millionen.
10.8 Millionen Arbeitslose.
Und selbst das ist nur die Spitze des Eisbergs. Nicht in der Statistik
erfaßt werden all die Bürger, die längst jede Hoffnung
aufgegeben haben und gar nicht mehr zum Arbeitsamt hingehen, sowie all
jene, die sich in ihrer Verzweiflung in die abenteuerlichsten freiberuflichen
und sonstigen Experimente stürzen und sich mühsam durchs Leben
hangeln. Und natürlich zählen auch nicht die 2.1 Millionen,
die zwar Abeit haben, aber nebenher einen zweiten Job ausüben,
weil es sonst vorne und hinten nicht reicht. Und dann kommen dazu nochmal
1.5 Millionen Leute, die zwar Arbeit haben, denen aber ihr jeweiliger
Arbeitgeber so wenig zahlt, daß der Staat Geld dazuzahlen muß,
damit sie überhaupt über die Runden kommen. Toll: Hier mästen
sich Unternehmer ungestraft an den Steuergeldern, die wir, die unterbezahlten
Bürgern, dank unserer raffgierigen Politiker zu zahlen haben. Und
laut Medienmeldungen Ende Januar 2008 haben wir 6.5 Millionen "Geringverdiener"
- das sind Inhaber von 400-Euro-Jobs - wie werden die nun wieder zusammengerechnet,
sind sie Teil oder Konglomerat aus den bereits genannten Gruppen? "Neusprech"
in (Un)Reinkultur!
Aber
lassen wir es erstmal bei der offiziellen Zahl:
10.8 Millionen.
Wohlgemerkt: nicht 10.8 Millionen Kartoffeln oder 10.8 Millionen Kieselsteine
- nein:
10.8 Millionen
MENSCHEN.
Und diese Menschen haben Angehörige, Partner, Kinder. Die Zahl
der im engsten Sinne innerhalb dieser Statistik betroffenen Menschen
läßt sich für mich sehr schwer abschätzen - ich
tippe mal ganz, ganz vorsichtig und sehr niedrig auf ca. 21 Millionen.
Minimum.
21
Millionen Menschen mindestens, die von dem großartigen
"Aufschwung" unserer fein herausgeputzten und bestens versorgten
Politiker rein gar nichts spüren.
21 Millionen Menschen - mindestens - ohne Perspektive.
21 Millionen Schicksale.
Und Frau Merkel setzt sich grinsend vor die Kamera und hält eine
Neujahrsansprache, eine überaus optimistische, die derart weit
an der Realität vorbeizielt, daß ich mich verzweifelt frage,
auf welchem Stern diese Frau eigentlich lebt.
Uns geht es gut.
Sagt sie.
Weiß sie überhaupt, wovon sie da spricht?
Hören Sie zu, Frau Merkel, Herr Schröder, Herr Eichel, Herr
Rüttgers, Herr Hartz, Herr Münteferig, Frau Roth, Frau Schmidt,
Herr Fischer, Herr Kohl, Herr Waigel und all ihr anderen, die ihr in
den letzten 18 Jahren unser aller Schicksal in dieses Elend gesteuert
habt:
Entweder ändert ihr was, oder dieses ganze schiefgewickelte Gesellschaftsgefüge
wird euch um die Ohren fliegen!
(©)
by Marianne Sydow,31.12.2007